Anlässlich des „Welttourismustages“ am 27. September hat die internationale Hilfsorganisation für indigene Völker, Survival International, Touristen dazu aufgerufen, Botswana als Reiseziel zu boykottieren. Die Regierung des Landes im Süden Afrikas versucht seit über 30 Jahren die so genannten Buschleute von ihrem Land im Central Kalahari Game Reserve zu vertreiben. Eine Woche bevor die Vereinten Nationen im Juli das „Recht auf sauberes Trinkwasser“ in die Charta der Menschenrechte aufgenommen hat, hatte der Oberste Gerichtshof Botswanas den Bewohnern den Zugang zu Wasser auf ihrem angestammten Land verweigert. Die Regierung sei nicht verpflichtet, dem in der Wüste lebenden Volk eine Wasserversorgung zu garantieren, urteilte das Gericht, nachdem das Volk geklagt hatte. Die Vereinten Nationen als auch die Afrikanische Union kritisierten die Botswanische Regierung daraufhin scharf.
Mit Hilfe von Survival International hatten die Buschleute 2002 gegen ihre Vertreibung geklagt. Das Gericht gab der Klage 2006 statt – sie erklärte die teilweise gewaltsam durchgeführte Umsiedlung der Kalahari-Bewohner für verfassungswidrig. Als Reaktion auf diese Niederlage drehte die Regierung schließlich den Wasserhahn zu.
Xoroxloo Duxee starb nach der Versiegelung des Brunnens an Wassermangel
(Foto: Survival)
Bereits Mitte der 90er-Jahre begann die Auseinandersetzung zwischen der Regierung und den „First People of Kalahari“, einem Zusammenschluss der „Bushmen“, wie das Volk in Botswana in herabwürdigender Art und Weise bezeichnet wird. 2006 versiegelte die Regierung einen Brunnen in Mothomelo und untersagte diesen wieder zu öffnen, obwohl die Buschleute angeboten hatten, die Finanzierung und Instandhaltung des Bohrlochs selbst zu übernehmen. Seit Jahren müssen die etwa 500 in der Wüste Verbliebenen nun zu Fuß am über 100 Kilometer entfernten Rand des Reservats Wasser holen gehen. Der qualvolle Marsch durch die Wüste zur Wasserquelle und wieder zurück dauert etwa 8 Tage. Zweimal im Monat begibt sich eine kleine Gruppe des Volkes zusammen mit ein paar Eseln auf die gefährliche Reise. Verwandte, die teilweise von der Regierung in Siedlungen untergebracht wurden, werden offenbar daran gehindert ihren Familien zu helfen.
Die Zustände in den Siedlungen sind erschreckend
In diesen Siedlungen, die von der Regierung errichtet wurden, lebt zwar mittlerweile der Großteil des vertriebenen Volkes, die Zustände dort sind abgesehen von der grundlegenden Versorgung allerdings erschreckend. Jumanda Gakelebone, Sprecher der „First People of Kalahari“ beklagt den „Verlust der Kultur in den neuen Siedlungen“. Die eigentlichen Jäger und Sammler verfallen in ihrem neuen Zuhause zunehmend dem Alkoholismus und nirgendwo in Botswana gibt es mehr HIV-Infizierte – im Land mit der weltweit höchsten Aidsrate. 2008 waren 36 % der erwachsenen Bevölkerung infiziert.
Seit 2009 betreibt der Reiseanbieter „Wilderness Safaris“ auf dem Land der Kalahari-Bewohner eine luxuriöse Touristenanlage mit Swimmingpool. Laut Survival International habe das Unternehmen vor dem Bau kein Kontakt zu den Buschleuten aufgenommen und sieht sich auch nicht als deren Wasserversorger. Jüngst hat Wilderness Safaris den Tourismuspreis „World Savers Award“ verliehen bekommen. Im Vorstand des Unternehmens sitzen unter anderem ein Neffe sowie der persönliche Anwalt von Botswanas Präsident Ian Khama, der neben seiner Regierungstätigkeit auch führendes Mitglied der amerikanischen Umweltschutzorganisation „Conservation International“ ist.
Besucher des Camps von Wilderness Safaris baden in diesem Pool – aber die Regierung untersagt den Buschleuten in dem Reservat die Nutzung eines Brunnens (Foto: Survival)
Für Tiere und Touristen gibt es trotzdem Wasser
Ein weiterer großer Wasserverbraucher auf dem Gebiet der Wüstenbewohner könnte der Diamantenabbau werden. Unter der Bedingung, gebaute Wasserbohrlöcher ausschließlich für Arbeiten an der Mine zu nutzen, wurde einem Unternehmen die Umweltgenehmigung erteilt. Schon seit Jahren argumentieren Survival International und die „First People of Kalahari“, dass die Regierung die Wüstenbewohner vertreiben will, um auf ihrem Gebiet Diamanten abzubauen. Die Regierung begründet ihren Willen zur Umsiedlung mit Tierschutzmaßnahmen im Reservat und bestreitet die Vorwürfe.
„Wenn Buschleuten das Wasser auf ihrem Land vorenthalten wird, während Touristen, Tiere und Diamantenhersteller es frei erhalten können, sollten sich alle Menschen fragen, ob Sie diese Regierung wirklich mit ihren Reisen und Schmuckeinkäufen unterstützen wollen", sagt Stephen Corry, Direktor von Survival International zum geforderten Tourismus-Boykott.
Die Nichtregierungsorganisation Survival International hat Unterstützer in 82 Ländern. Sie ist in Deutschland als gemeinnütziger Verein eingetragen und hat unter anderem den auch als alternativen Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award erhalten. Ziel der Organisation ist es, indigene Völker weltweit durch Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen und ihre Existenz zu bewahren.
Benjamin Kimmig