Jena Schillers Gartenhaus

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Jena: Eine Dichterstube im Grünen

Er war Arzt, Historiker, Lyriker, Dramatiker und Philosoph. In Thüringen macht Friedrich Schillers Gartenhaus seine Jahre in Jena für Verehrer des großen Klassikers erlebbar.

Wie eine Theaterkulisse legt sich die fein modellierte Berglandschaft mit ihren Burgen und Schlössern um Thüringens zweitgrößte Stadt, einen Ort mit großer Geschichte und vielen Gesichtern. Neben Künstlern und Philosophen prägten auch Wissenschaft und Forschung das Image Jenas, wo im 19. Jahrhundert Physiker Ernst Abbe, Chemiker Otto Schott und Unternehmer Carl Zeiss gemeinsam für Furore auf dem Gebiet der Optik sorgten. Berühmtheiten wie die Humboldt-Brüder oder Dichtergrößen wie Hölderlin und Brentano lebten in der Stadt an der Saale. Johann Wolfgang von Goethe fand hier Abstand vom Weimarer Hof und die nötige Ruhe für seine literarische Arbeit. Auf seine Empfehlung hin kam Friedrich Schiller als Professor für Geschichte an die Universität und schlug seine Zelte in Jena auf – für ein äußerst produktives Jahrzehnt, aus dem neben Lyrik und Dramen auch große kunsttheoretische Schriften hervorgingen.

Schiller, den gebürtigen Schwaben, hätte es vielleicht nie nach Thüringen verschlagen, wäre seine Lebenssituation in Württemberg eine andere gewesen. Vom tyrannischen Landesherrn Herzog Carl Eugen, der ihn lieber als bettelarmen Regimentsarzt denn als aufwieglerischen Dichter sah, mit einem Schreibverbot belegt, blieb ihm nur die Flucht aus dem verhassten Stuttgart. Getrieben von der Sehnsucht nach Freiheit und gefangen in dem Bestreben nach Erfolg und einer bürgerlichen Existenz zog der Rebell – notorisch pleite – ruhelos von hier nach da. Er reiste nach Bauerbach, Meiningen und Mannheim, nach Leipzig, Dresden, Weimar und Rudolstadt, bevor er – gerade mal 29 Jahre alt – im Mai 1789 in Jena seine Koffer auspackte und mit einer vielumjubelten Antrittsvorlesung seine, wenn auch kurze, Universitätskarriere begann.

Frische Luft als Medizin

Friedrich lebte bereits seit fast acht Jahren an der Saale – wurde in dieser Zeit Hofrat und französischer Ehrenstaatsbürger, Ehemann und Vater zweier Söhne –, als er im heutigen Schillergäßchen Nummer Zwo ein Haus mit Garten erwarb. Das 1600 Quadratmeter große Anwesen kostete 1150 Taler und lag in einer ländlichen Gegend vor den Toren der Stadt. Genau das Richtige also für den schwer lungenkranken Dichter, der sich während der warmen Jahreszeit von der frischen Luft Linderung seiner Malaisen versprach.

Wo das Ehepaar Friedrich und Charlotte von 1797 bis 1799 in dem schmalen dreistöckigen Haus, hinter dem zwischen Gemüse- und Blumenbeeten zahlreiche Obstbäume den Garten begrünten, mit Kindern und Dienstboten die Sommer verbrachte, lädt heute die Friedrich-Schiller-Universität Interessierte zu einem musealen Rundgang. Durch ein Haus, das in puncto Raumaufteilung und Wandgestaltung größtenteils im Zustand der Schillerzeit verblieb, aber nur noch mit sehr wenigen Originalstücken eingerichtet ist.

Musealer Blick in Schillers Gartenhaus

Logierten im Erdgeschoss einst zusammen mit den Buben Karl und Ernst die aus dem Schwäbischen stammenden Schwestern Wetzel, die sich neben dem Haushalt um den Schillerschen Nachwuchs kümmerten, füllt nun das Interieur eines Museums zwei kleine Räume. Briefe und viele nette Hingucker wie etwa eine Auflistung damaliger Lebensmittelpreise neben einer Übersicht zu des Dichters Einnahmen und Ausgaben bereichern die Ausstellung, die Besuchern Friedrichs Lebensdekade in Jena näher bringt und einen intimen Blick in sein Privatleben erlaubt. Das Reich der klugen, empathischen und sehr praktisch veranlagten Dame des Hauses, einer geborenen von Lengefeld, erstreckte sich mit Stube und Schlafkammer dagegen eine Treppe höher im ersten Stock des 1730 errichteten Gebäudes.

Von hier führt eine schmale Stiege zur einzigen Tür des Dachgeschosses, hinter der sich Schillers ehemaliges Arbeitszimmer verbirgt. Ihrerseits durch eine Tür von zwei bescheidenen Schlafkammern getrennt – die eine für den Dichter selbst, die andere für seinen Diener –, präsentiert sich die Studierstube als lang gezogener Raum, in dem nur noch das Knarren des originalen Dielenbodens echt ist, aber das Blau der Tapete so wie früher an einen wolkenfreien Sommerhimmel erinnert und man am Schreibpult fast schon die Gestalt Schillers wahrzunehmen glaubt, wie er im „Duft“ einer Schale fauler Äpfel am Wallenstein schrieb. Eine warme Aura umfängt dieses abgeschiedene Zimmer, dem mehrere Fenster großzügig Licht spenden und einen herrlichen Blick in den Garten spendieren. Legendäre Balladen wie „Der Taucher“ oder „Die Bürgschaft“, veröffentlicht in Schillers Musen-Almanach, das lyrische Meisterwerk „Das Lied von der Glocke“ sowie der Anfang des Trauerspiels „Maria Stuart“ entstanden hier. Auch Gäste fanden sich in der Mansarde ein, denen der Hausherr gern aus seinem Werk vortrug.

Ein gern gesehener Gast

„Der wichtigste Besucher war Goethe“, sagt Dr. Helmut Hühn, Leiter des Gartenhauses der Universität Jena, über Schillers engen Freund, der fast täglich vorbeigeschaut habe, wenn er in Jena war. So ließ der eine auch keine Zeit verstreichen, um den anderen in einem Brief vom „2. May 97“, der jetzt dekorativ zusammen mit Feder und Tintenfass auf dem Stehpult liegt, wissen zu lassen: „Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin …“

Wenn das Wetter mitspielte, saßen die beiden großen Literaten gern im Freien. Saßen hinten im Garten, wo heute anstelle des Baches Leutra der Autoverkehr vorbeifließt. Denn die Stadt wuchs mit den Jahren und verschluckte das einst in idyllischer Stille gelegene Anwesen der Schillers mit Haut und Haar. Auch in der Gegenwart zeigt sich die weite Fläche hinter dem gelb getünchten Haus und seinem Anbau, den Ernst Abbe, späterer Bewohner und Direktor der örtlichen Sternwarte, in den 1870/80er Jahren anfügen ließ, als wunderbarer Fleck zum Flanieren und Entspannen: zwei Gartenhälften, getrennt durch einen schnurgeraden Kiesweg und begrenzt von niedrigen Buchsbaumhecken, mit baumbeschatteten Wiesen voller Gänseblümchen, an deren Rand dicke rote Mohnblüten, zartes Vergissmeinnichtblau und das Gelb der Schwertlilien fröhliche Farbkleckse verteilen.

Ein „Gartensälchen“ als Dichterstube

In der nordwestlichen Ecke des Gartens wurde gleich im ersten Sommer ein Gebäude für die Küche gebaut. Im Haus gab es nämlich keine, da der frühere Besitzer sich das Essen kommen ließ oder auswärts speiste. Im Jahr darauf war die Grundstücksecke gegenüber an der Reihe: Schillers „Belveder“ oder die „Gartenzinne“, wie Goethe das Türmchen nannte, entstand, das Friedrich als weiterer aussichtsreicher Arbeitsplatz dienen sollte. Jenes „Gartensälchen“ erwies sich allerdings als wenig zukunftsfähig, musste es doch Anfang des 19. Jahrhunderts, baufällig wie es war, abgerissen werden.

Zwischen dem Nachbau der Gartenzinne und dem Küchenhaus steht heute wie gestern der schwere Steintisch, an dem Schiller und Goethe zum abendlichen Gespräch, zum literarischen und intellektuellen Austausch zusammenfanden. Dabei war der Hesse längst nicht der einzige Gast der Familie. Ludwig Tieck und Johann Gottlieb Fichte, Sophie Mereau, Caroline von Humboldt und viele andere kamen zu Besuch und lustwandelten in Gesellschaft ihres Gastgebers durchs lauschige Grün. Eine schöne Gewohnheit, die allerdings 1799 schon wieder ihr Ende fand, als die Schillers nach zehn Jenaer Jahren erneut auf gepackten Koffern saßen. Friedrichs Ziel war Weimar, das Zentrum deutscher Literatur. Wo der Dramatiker, ewig unter dem Druck des Geldverdienens, am Nationaltheater Erfolge feierte und 1805, nach langer Krankheit, mit 45 Jahren verstarb. Nur einmal, es war 1801, hatte er sich zuvor noch ein letztes Mal in die Jenaer Garteneinsamkeit geflüchtet, um in Ruhe schreiben zu können, bevor er Haus und Garten ein Jahr später endgültig aufgab und zum Verkauf anbot.

Text: Sabine Mattern

Fotos: JenaKultur, Toma Babovic; JenaKultur, Kathrin Schulz; Sabine Mattern

Informationen

Übernachtungstipp
Als eines der ältesten Gebäude der Stadt lädt das Gasthaus „Zur Noll“ zum Schlafen und Speisen in die autofreie Oberlauengasse. Übernachtet wird im historischen Ambiente in 22 gemütlich-rustikalen Zimmern oder im 2017 neu erbauten Gästehaus mit moderner Note.
www.zurnoll.de

Schillers Gartenhaus
Schillergäßchen 2, 07745 Jena
Öffnungszeiten und Eintrittspreise unter
www4.uni-jena.de/Gartenhaus  

Weitere Infos
www.visit-jena.de
www.thueringen-entdecken.de

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